Junge Menschen brauchen Halt und Raum für ihren eigenen Weg

Psychische Gesundheit ist neben körperlichem und sozialem Wohlbefinden ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Wohlbefindens. Nur wer sich psychisch fit fühlt, ist wirklich gesund und leistungsfähig. Der Resilienzaufbau beginnt früh und wird durch das familiäre, schulische und soziale Umfeld mitgeprägt. Das psychische Wohlbefinden junger Erwachsener ist für die SODK ein zentrales gesellschaftliches Thema.

Wenn ich an das psychische Wohlbefinden junger Menschen denke, denke ich auch an meine beiden Söhne. Sie sind inzwischen 19 und 20 Jahre alt und somit junge Erwachsene. Ich wünsche ihnen, dass sie ihren eigenen Weg verfolgen, Beziehungen leben, neugierig bleiben und Neues wagen. Und ich wünsche ihnen, dass sie wissen: Wenn es schwierig wird, sind wir da. Als Mutter möchte ich Rückhalt geben, ohne ihren Weg vorzugeben. Ich möchte ihnen etwas zutrauen und gleichzeitig erreichbar bleiben, wenn sie Unterstützung brauchen.

Als Leiterin der Hauptabteilung Soziales beschäftigt mich im Grunde dieselbe Frage für alle Kinder und jungen Menschen im Glarnerland: Was brauchen sie, damit sie gut und
möglichst selbstbestimmt aufwachsen können?

Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Aber etwas ist für mich zentral:

Junge Menschen brauchen verlässliche Beziehungen.

Vorbild sein, ohne perfekt sein zu müssen

Eltern und Erziehungsberechtigte haben dabei eine ganz besondere Bedeutung. Zuhören, Interesse zeigen, Orientierung geben, Grenzen setzen und gleichzeitig Raum für eigene Erfahrungen lassen – all das gehört dazu. Junge Menschen sollen spüren: Mein Wert hängt nicht von meinen Noten, meiner Leistung oder davon ab, ob gerade alles rundläuft. Ich werde ernst genommen. Und ich darf mich an jemanden wenden, wenn ich nicht mehr weiterweiss. Genauso wichtig sind Freundschaften und andere Menschen, die im Leben eines Kindes oder Jugendlichen eine Rolle spielen. Lehrpersonen, Berufsbildnerinnen und Berufsbildner, Trainerinnen und Trainer, Nachbarinnen, Verwandte oder andere Bezugspersonen können enorm viel bewirken.

Denn wir Erwachsenen sind auch Vorbilder. Wie gehen wir selbst mit Stress um? Können wir über Gefühle sprechen? Können wir einen Fehler eingestehen, uns entschuldigen oder zugeben, dass auch wir manchmal Hilfe brauchen? Junge Menschen beobachten sehr genau, wie wir Erwachsene mit dem Leben umgehen. Ein gutes Vorbild zu sein heisst für mich deshalb nicht, immer stark zu sein und auf alles eine Antwort zu haben. Vielleicht ist manchmal gerade das Gegenteil ein starkes Signal: zu sagen, dass man etwas nicht weiss, eine Grenze erreicht hat oder Unterstützung braucht.

Gemeinsame Aufgabe

Gleichzeitig darf die Verantwortung für das psychische Wohlbefinden junger Menschen nicht bei den Familien allein liegen. Die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche aufwachsen, spielen eine ebenso wichtige Rolle. Armut, Ausgrenzung, belastende Familienverhältnisse, Leistungsdruck oder fehlende Perspektiven können belasten. Deshalb gehören für mich soziale Sicherheit, Bildungschancen, Zugehörigkeit und Möglichkeiten zur Teilhabe unmittelbar zur Diskussion über psychische Gesundheit.

Und genau hier zeigt sich für mich eine der grossen Aufgaben der kommenden Jahre, wo ich mich den Gedanken von Dr. Stephan Kupferschmid und der ehemaligen Generalsekretärin der SODK Gaby Szöllösy anschliesse: Gesundheit, Bildung und Soziales müssen viel stärker zusammen gedacht werden.

Die Lebenswirklichkeit eines jungen Menschen kennt keine Departementsgrenzen.

Wenn Departementsgrenzen auf Lebensrealität treffen

Im Kanton Glarus ist diese Zusammenarbeit organisatorisch eine Herausforderung: Gesundheit, Bildung und Soziales sind in drei unterschiedlichen Departementen angesiedelt. Was auf dem Organigramm getrennt ist, müssen wir deshalb im Alltag bewusst wieder zusammenbringen. Denn die Lebenswirklichkeit eines jungen Menschen kennt keine Departementsgrenzen.

Das tönt zunächst selbstverständlich. In der Praxis braucht es aber viel Vernetzung und vor allem den Willen dazu. Gesundheitsfachpersonen, Psychologinnen und Psychologen, Sozialarbeitende, Schulen und Behörden bringen unterschiedliche fachliche Habitus mit. Wir haben unsere eigenen Sprachen, Denkweisen und Zugänge. Das ist wertvoll. Schwierig wird es erst, wenn wir davon ausgehen, dass unsere eigene Perspektive die ganze Wirklichkeit abbildet.

Für mich bedeutet Zusammenarbeit deshalb auch, neugierig auf die Sicht der anderen zu bleiben. Medizinische, psychologische, pädagogische und sozialarbeiterische Perspektiven müssen sich ergänzen. Dafür braucht es persönliche Beziehungen, verbindliche Absprachen, geklärte Verantwortlichkeiten und Zeit füreinander. Gerade im überschaubaren Glarnerland sehe ich darin eine grosse Chance: Wir kennen uns, unsere Wege sind kurz. Diese Nähe sollten wir nutzen.

Auch in der neuen Legislaturplanung 2027–2030 soll die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stärker in den Blick genommen werden. Mehrere geplante Massnahmen im Gesundheits- Bildungs- und Sozialbereich sollen dazu beitragen. Für mich ist dabei entscheidend, dass daraus nicht einzelne Projekte nebeneinander entstehen, sondern dass wir sie miteinander verbinden.

Wie nah Prävention am Alltag junger Menschen sein kann, zeigt unsere Schulsozialarbeit. Sie ist im ganzen Kanton präsent und begleitet Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe I. Sie berät auch Eltern, Erziehungsberechtigte und schulische Bezugspersonen. Für mich liegt eine ihrer grossen Stärken darin, dass sie dort ist, wo das Leben der Kinder stattfindet: in der Schule. Ein Gespräch kann stattfinden, bevor aus einer Sorge eine Krise geworden ist.

Prävention darf kreative Wege gehen

Dabei darf Schulsozialarbeit kreativ sein. Ein schönes Beispiel dafür ist unser neues Projekt RE:FRAME – Mobile Ausstellung für Schule und Leben. Die Idee ist, gesellschaftlich relevante Themen direkt in die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen zu bringen. Nicht mit Frontalunterricht und fertigen Antworten, sondern mit Bildern, Hörstationen, Alltagsobjekten, Fragen und Gesprächen. Das Konzept nennt als zentrale Prinzipien ausdrücklich «Reframing statt Belehrung», «Peer-to-Peer statt Expertendistanz» und «Erleben statt Erklären».

Beim Thema Social Media geht es zum Beispiel um Fragen wie: Was zeigen soziale Medien – und was zeigen sie nicht? Was machen Likes und Bilder mit meinem Selbstbild? Wo hört Inspiration auf und wo beginnt Druck? Genau solche Fragen interessieren mich. Nicht, weil wir jungen Menschen erklären müssen, wie sie zu leben haben, sondern weil wir Räume schaffen sollten, in denen sie über ihr eigenes Leben nachdenken und miteinander ins Gespräch kommen können. Mein Kollege Christian Nanchen aus dem Kanton Waadt hat hierzu einen eigenen Blogbeitrag verfasst.

Besonders gefällt mir deshalb der Peer-Ansatz von RE:FRAME. Jugendliche werden vorbereitet und begleiten andere junge Menschen durch die Ausstellung. Sie moderieren Gespräche, stellen Fragen und bringen ihre eigenen Erfahrungen ein. Kinder und Jugendliche sollen zudem selbst Inhalte mitgestalten können. Damit werden sie nicht einfach zu Empfängerinnen und Empfängern von Präventionsbotschaften, sondern zu Beteiligten. RE:FRAME versteht sich ausdrücklich als gemeinsames Angebot von Schule, Sozialem und Gesundheit und verbindet diese Bereiche miteinander.

Partizipation als Schlüssel

Das entspricht sehr meiner Haltung. Partizipation ist für mich ein Schutzfaktor. Wer erlebt, dass die eigene Stimme zählt, dass man etwas beeinflussen und verändern kann, erfährt Selbstwirksamkeit.

Im Glarnerland hat Beteiligung natürlich eine besondere Tradition. Mit unserer Landsgemeinde und dem Stimmrechtsalter 16 ist politische Mitsprache sehr sichtbar. Für mich beginnt Partizipation aber viel früher und sie ist nicht an einen Schweizer Pass gebunden. Sie beginnt zu Hause, in der Schule, im Verein und in einer Beratungsstelle. Nehmen wir Kinder und Jugendliche wirklich ernst? Fragen wir sie, was sie brauchen? Und, vielleicht noch wichtiger, verändert ihre Antwort auch etwas?

Neben der niederschwelligen Unterstützung braucht es selbstverständlich eine gute psychiatrische und psychologische Versorgung. Mit der Jugend- und Familienberatung der Psychiatrischen Dienste Glarus besteht ein kostenloses und vertrauliches Beratungsangebot für persönliche, familiäre, schulische oder berufliche Herausforderungen. Die pdgl führen zudem ein kinder- und jugendpsychiatrisches Ambulatorium und koordinieren das kantonale Aktionsprogramm zur Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche.

Fokus auf gelingende Übergänge

Besonders aufmerksam müssen wir aus meiner Sicht auf Übergänge schauen: von der Schule in eine Ausbildung, von der Ausbildung in den Beruf und schliesslich in ein zunehmend selbstständiges Erwachsenenleben. Gerade dort können Sicherheiten wegfallen und neue Erwartungen entstehen. Unterstützung darf deshalb nicht plötzlich abbrechen, weil jemand ein Schulhaus verlässt oder 18 Jahre alt wird.

Wenn ich wieder an meine beiden Söhne denke, wünsche ich ihnen Menschen, die ihnen etwas zutrauen, ihnen Freiheit geben und trotzdem da sind, wenn das Leben einmal nicht so läuft wie geplant.

Genau das wünsche ich mir für alle jungen Menschen: dass sie dazugehören, gute Vorbilder und verlässliche Beziehungen erleben, ihre Stimme einbringen können und wissen, wo sie Unterstützung finden. Und dass wir Erwachsenen bereit sind, dafür über unsere fachlichen und organisatorischen Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten.

Denn psychisches Wohlbefinden entsteht nicht an einem einzigen Ort. Es entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen, wo sie mitgestalten können und wo jemand da ist, wenn es schwierig wird.

Foto Audrey Hauri
Audrey Hauri, Leiterin Hauptabteilung Soziales, Kanton GL

Psychisches Wohlbefinden entsteht nicht an einem einzigen Ort. Es entsteht dort, wo Menschen sich gesehen fühlen, wo sie mitgestalten können und wo jemand da ist, wenn es schwierig wird.

Unterstützung im Glarnerland:

Schulsozialarbeit: Freiwillige und kostenlose Beratung für Kinder und Jugendliche der Volksschule, Eltern und schulische Bezugspersonen. Kontakt über die zuständige Schulsozialarbeit.
Kanton Glarus

Jugend- und Familienberatung der pdgl: Kostenlose, vertrauliche Beratung. Kontakt auch über WhatsApp: 078 246 40 35.

Psychiatrische Versorgung: Die pdgl bieten unter anderem ambulante Angebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zentrale Telefonnummer: 055 646 41 00.
Psychiatrische Dienste Glarus