Psychisches Wohlbefinden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Warum Prävention heute wichtiger denn je ist

Psychische Gesundheit ist neben körperlichem und sozialem Wohlbefinden ein wesentlicher Bestandteil des gesamten Wohlbefindens. Nur wer sich psychisch fit fühlt, ist wirklich gesund und leistungsfähig. Der Resilienzaufbau beginnt früh und wird durch das familiäre, schulische und soziale Umfeld mitgeprägt. Das psychische Wohlbefinden junger Erwachsener ist für die SODK ein zentrales gesellschaftliches Thema.

Warum junge Erwachsene heute unter besonderem Druck stehen

Wie verschiedene Studien – beispielsweise von Pro Juventute vom März 2026 – aufzeigen, erleben heute viele junge Erwachsene mehr psychische Belastung als frühere Generationen in vergleichbaren Lebensphasen. Sozialer Vergleich durch digitale Medien, Leistungsdruck, unsichere Zukunftsaussichten, familiäre Belastungen und eine allgemein komplexere Weltlage wirken destabilisierend in der so wichtigen Entwicklungsphase zwischen Kindsein und Erwachsenwerden.

Vom Fokus Familienarmut zum Fokus psychisches Wohlbefinden

Deshalb ist für mich als Generalsekretärin der SODK das Thema die logische Weiterführung des letztjährigen Fokus, in welchem Kinder und armutsgefährdete Familien im Zentrum unserer Aufmerksamkeit standen. In der heutigen Gesellschaft ist psychisches Wohlbefinden auch die Voraussetzung für Jugendliche und junge Erwachsene, damit sie an der Gesellschaft teilhaben können: Wer sich stabil und wirksam fühlt, kann lernen, arbeiten, Beziehungen aufbauen und Verantwortung übernehmen. 

Wenn dagegen Antrieb, Konzentration, Schlaf oder Stimmung dauerhaft leiden, ist das ein Zeichen, dass das psychische Wohlbefinden aus dem Gleichgewicht geraten ist. Gerade bei jungen Erwachsenen fühlt sich das nicht nur schlecht an, sondern kann sich auch als ständige Überforderung zeigen und zu Rückzug, Selbstentfremdung oder innerer Leere führen.

Psychische Gesundheit junger Menschen: Was aktuelle Zahlen zeigen

Die neuste Pro Juventute-Studie besagt zwar, dass die grosse Mehrheit der befragten Jugendlichen sich psychisch wohlfühlt, trotzdem gibt jeder zehnte Jugendliche an, in psychotherapeutischer Behandlung zu sein, Mädchen und junge Frauen doppelt so häufig wie männliche Befragte.

Zwischen Belastung und Zuversicht: Erkenntnisse aus der Praxis

Ich habe mich darüber mit Herrn Dr. Stephan Kupferschmid unterhalten, er leitet seit 2023 das Psychiatriezentrum für junge Erwachsene in Thun. Im Gespräch mit Dr. Stephan Kupferschmid wurde deutlich: Das psychische Wohlbefinden junger Menschen ist differenziert zu betrachten. Einerseits berichten Fachpersonen von deutlich steigenden Behandlungszahlen und davon, dass sich mehr Jugendliche psychisch belastet fühlen. Globale Krisen, die Corona-Pandemie, Kriege oder der Klimawandel wirken dabei als zusätzliche Belastungsfaktoren.

Gleichzeitig zeigt sich ein ermutigendes Bild: Viele Jugendliche erleben ihre Ausbildung als sinnvoll, fühlen sich darin gestärkt und entwickeln Selbstwirksamkeit. Gerade diese Erfahrung von Sinn, Struktur und Zugehörigkeit kann ein wichtiger Schutzfaktor für das psychische Wohlbefinden sein.

Ressourcen stärken statt nur Probleme behandeln

Für mich bleibt zentral, dass wir den Blick nicht nur auf Belastungen richten, sondern auch auf Ressourcen. Junge Menschen sollen nicht auf Diagnosen reduziert werden. Entscheidend ist, sie so zu unterstützen, dass sie ihre Stärken entwickeln und trotz psychischer Herausforderungen ihre Ziele verfolgen können.

Bildung, Gesundheit und Soziales
müssen stärker zusammengedacht werden.

Dafür braucht es niederschwellige und gut koordinierte Angebote von der Prävention über die Krisenintervention bis hin zur längerfristigen Therapie und Behandlung. Bildung, Gesundheit und Soziales müssen stärker zusammengedacht werden. Prävention bedeutet, früh hinzuschauen, rasch Unterstützung zugänglich zu machen und Hindernisse abzubauen — damit junge Menschen in ihrer Entwicklung gestärkt werden.

Warum frühe Interventionen entscheidend sind

Laut den Ausführungen von Herrn Kupferschmidsind Kindheit und Jugend zentral für die psychische Gesundheit. Psychische Gesundheitsprobleme machen 35 % der weltweiten wirtschaftlichen Belastung durch nichtübertragbare Krankheiten aus und übersteigen damit die Auswirkungen von Krebserkrankungen, Diabetes oder Herzerkrankungen.

Psychische Erkrankungen verursachen hohe gesellschaftliche Kosten

In Europa werden die Gesamtkosten psychischer Erkrankungen konservativ auf über 4 % des BIP geschätzt. Bei Jugendlichen, insbesondere bei Mädchen, ist die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in den letzten Jahren gestiegen.

Es braucht dringend frühere Interventionen und eine Stärkung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung und bei Fachpersonen. An der Jahreskonferenz der SODK in Filzbach wurden einige Best Practices genannt und vorgestellt. Frühe Interventionen gelten als besonders wirksam und können langfristig Folgekosten und Belastungen reduzieren. Gleichzeitig erschweren Lücken im Gesundheitsmonitoring und in der Forschung eine systematische Beurteilung der Entwicklung und der Wirkung bestehender Massnahmen.

Der Übergang ins Erwachsenenalter bleibt eine unterschätzte Risikophase

Prävention im Bereich der psychischen Gesundheit beginnt für mich nicht erst dort, wo eine Krise sichtbar wird. Wie Prof. Dr. med. Kerstin von Plessen in ihrem Referat an der Jahreskonferenz der SODK verdeutlichte, umfasst Prävention unterschiedliche Ebenen: universelle Angebote für alle Jugendlichen, gezielte Unterstützung für Gruppen mit erhöhtem Risiko und indizierte Prävention für junge Menschen, bei denen erste Anzeichen einer Belastung erkennbar sind. Gerade diese Differenzierung ist wichtig, weil nicht alle Jugendlichen dasselbe brauchen.

Prävention im Bereich der psychischen Gesundheit beginnt nicht erst dort, wo eine Krise sichtbar wird.

Jugendliche stärken

Aus kantonaler Sicht heisst das: Wir müssen früher ansetzen und zugleich präziser handeln. Förderung der psychischen Gesundheit bedeutet nicht nur, Krankheit zu verhindern. Es geht ebenso darum, Ressourcen zu stärken — Resilienz, Selbstwertgefühl, psychosoziale Kompetenzen und Selbstwirksamkeit. Jugendliche sollen erfahren, dass sie Handlungsmöglichkeiten haben und Unterstützung finden, bevor Belastungen eskalieren.

Die Verantwortung der Kantone für das psychische Wohlbefinden junger Menschen

Die Kantone tragen hier eine zentrale Verantwortung. Sie können Grundleistungen stärken, Fachpersonen ausserhalb des medizinischen Systems für Früherkennung sensibilisieren und niederschwellige, kostenlose und gut erreichbare Anlaufstellen fördern. Wichtig ist dabei, dass Jugendliche ohne Hürden Zugang zu Beratung und Orientierung erhalten — in Jugendhäusern, Schulen, mittels Online-Angebote oder über Peer-Ansätze. Genau dort liegt eine wichtige Aufgabe der Kantone: Sie können Angebote fördern, die früh ansetzen, Jugendliche in ihrem Alltag erreichen und verhindern, dass Unterstützung erst im Notfall greift. Damit entlasten wir nicht nur spezialisierte psychiatrische Dienste, sondern stärken junge Menschen dort, wo sie leben, lernen und ihren Alltag gestalten.

Gleichzeitig braucht es eine bessere kantonale Steuerung und Koordination. Die Förderung des psychischen Wohlbefindens von Jugendlichen ist eine Querschnittsaufgabe, die insbesondere das Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen sowie die Kinder- und Jugendhilfe betrifft. Als Kantone müssen wir deshalb Zuständigkeiten klären, die beteiligten Akteure zusammenbringen und verbindliche Formen der Zusammenarbeit schaffen.

Gaby Szöllösy
Generalsekretärin SODK

Generalsekretärin Gaby Szöllösy
Generalsekretärin Gaby Szöllösy

Besonders wichtig für ein psychisches Wohlbefinden:

  • • stabile soziale Beziehungen

  • • materielle Sicherheit

  • • Bildung und faire Chancen

  • • gelingende Übergänge von Schule in Ausbildung und Beruf

  • • soziale Teilhabe und Inklusion

  • • Unterstützung für Familien

  • • niederschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote