SODTalk | Dr. S. Kupferschmid
Generalsekretärin Gaby Szöllösy spricht mit Dr. Stephan Kupferschmid über das psychische Wohlbefinden junger Menschen, die Entwicklungen und den Handlungsbedarf in Prävention und Versorgung. Er ordnet die Behandlungszahlen ein und zeigt auf, wie Jugendliche ihre Ausbildung erleben.
Stephan Kupferschmid, Sie haben heute in einem sehr interessanten Exposé herausgestellt, dass es Jugendlichen subjektiv betrachtet schlechter geht. Viele sagen, dass sie psychisch angeschlagen sind, Probleme haben oder sich nicht gesund fühlen. Warum ist das so?
Das war das Thema des heutigen Nachmittags. Die SODK möchte den Fokus auf die psychische Gesundheit junger Menschen richten. In den vergangenen Jahren haben wir eine deutliche Zunahme unserer Behandlungszahlen festgestellt. Immer mehr junge Menschen kommen wegen psychischer Probleme in Behandlung. Dazu tragen sicher auch globale Krisen bei, die sich auf die Schweiz auswirken – etwa der Klimawandel, Kriege oder die Corona-Pandemie, die für manche Entwicklungen wie ein Katalysator gewirkt hat.
Auf der anderen Seite wurde heute eine grosse Befragung von Jugendlichen in der Lehre vorgestellt. Dort zeigt sich, dass sich 80 bis 90 Prozent wohlfühlen, ihre Ausbildung als sinnvoll erleben und an ihr wachsen. Das könnte ein Widerspruch sein.
Wie erklären Sie das?
Gerade das ist eine erfreuliche Botschaft. Rund 80 bis 90 Prozent aller jungen Menschen sagen, dass sie in ihrer Lehre etwas Sinnvolles tun. Auch andere Befragungen zeigen, dass etwa 80 Prozent mit ihrer psychischen Gesundheit zufrieden sind.
Wir kümmern uns allerdings um die 20 Prozent, die belastet sind. Und diese Gruppe scheint heute grösser zu sein als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.
Befragungen zeigen, dass etwa 80 Prozent mit ihrer psychischen Gesundheit zufrieden sind.
Wir kümmern uns allerdings um die 20 Prozent,
Es steht auch die These im Raum, dass Jugendliche zunehmend pathologisiert werden und ihre Identität teilweise über Diagnosen oder Neurodivergenz definieren. Was sagen Sie dazu?
Diese Entwicklung müssen wir aufmerksam beobachten. Es darf nicht so weit kommen, dass ein junger Mensch sagt: Weil ich ADHS habe, kann ich keine Ausbildung machen oder meine Ziele nicht erreichen. Unser Ziel ist vielmehr, junge Menschen zu stärken, damit sie sagen können: Ich bestimme über mein ADHS – nicht das ADHS über mich. Deshalb wäre ich zurückhaltend, wenn jemand seine Identität auf eine psychiatrische Diagnose reduziert.
Könnte es sein, dass beide Entwicklungen parallel stattfinden – dass Jugendliche Belastungen wahrnehmen und gleichzeitig in der Ausbildung Resilienz entwickeln?
Das ist durchaus möglich. Eine Ausbildung kann Stabilität, Sinn und Selbstwirksamkeit vermitteln. Gleichzeitig leisten manche Jugendliche trotz psychischer Belastungen enorme Anpassungsleistungen, weil ihnen ihre Ausbildung wichtig ist oder weil sie einen hohen Perfektionsanspruch an sich selbst haben. Deshalb müssen wir immer auch die Stärken und Resilienzfaktoren junger Menschen fördern und den Blick auf Gesundheit richten.
Was sollen Politik und Behörden daraus lernen? Sie haben gesagt, es brauche mehr Investitionen in niederschwellige Angebote.
Die Schweiz ist im Bereich Prävention leider nicht Spitzenreiter. Hier gibt es grosses Entwicklungspotenzial. Sinnvoll wären der Ausbau bewährter kantonaler Projekte, eine stärkere interkantonale Zusammenarbeit und ein engeres Zusammenspiel von Bildung, Gesundheit und Sozialem.
Bildung, Gesundheit und Soziales müssen stärker zusammengedacht werden.
An welche Präventionsangebote denken Sie konkret?
Es gibt bereits zahlreiche gute Ansätze. In der Suizidprävention etwa wissen wir, dass junge Menschen in Krisen möglichst rasch Hilfe erhalten sollten. Im Bereich ADHS sind kurze Wartezeiten für Abklärungen wichtig sowie unkomplizierte Nachteilsausgleiche in Schule und Ausbildung. Prävention bedeutet, früh zu unterstützen und Hindernisse abzubauen.
Vielen Dank Dr. Stephan Kupferschmid für diese interessanten Ausführungen.
Stephan Kupferschmid, Jahrgang 1976, ist seit 2023 als Chefarzt Standortleiter der Privatklinik Meiringen und Leiter des Psychiatriezentrums für junge Erwachsene (PZJE) in Thun.

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